Lieber Blogleser.
Vielleicht hast du diese Geschichte schon mit meinem Newsletter erhalten und gelesen. Ich werde in den nächsten Wochen die Geschichten aus dem Newsletter hier im Blog sammeln. So wird aus den einzelnen Folgen ein richtiges Buch.
Später wirst du dann im Newsletter mit einem Link auf den Blog geleitet.
Herzlichen Dank für dein Lesen.Meine neuen Geschichten drehen sich um J.R.
J.R. – du wirst ihn bald kennenlernen – ist Patrick, ein Koch aus einem Tal nahe dem Säntis, vor den sieben Churfirsten – oder dahinter, der nach Los Angeles auswandert. Nicht ganz freiwillig!
Alles ist erfunden. Wenn dir etwas bekannt vorkommt, dann liegt das an deiner Fantasie. Der Rest gehört den Träumern.
Und damit beginnt seine Reise dorthin, wo alte Gefühle leise aus dem Schatten treten…
Der Heimkehrer – Klassenzusammenkunft:
Er wünschte sich so sehr, dass sie auch dabei wäre. Diese Klassenzusammenkunft würde viele alte Erinnerungen aufleben lassen. Es war so viel geschehen in den letzten Tagen und obwohl er es geschafft hatte, beruflich erfolgreich war, kam er sich vor, wie der kleine Junge, der damals vor dem Realschulhaus auf der kleinen Holzbank herumgeknutscht hatte.
In seinem Mietwagen, wie es sich gehörte einem Jeep Grand Cherokee Summit 4xe, machte er sich auf den Weg. Sein Zimmer im Fünfstern Hotel in der Stadt St. Gallen war noch nicht gemacht. Das Bett nassgeschwitzt von den Träumen der letzten Nacht.
Alles hatte ihn eingeholt.
Die alten Geschichten, das gestörte Verhältnis zu seinem Vater und seiner Familie in den nahen Bergen. Die Erinnerungen überschlugen sich, machten Purzelbäume und liessen ihn nicht schlafen.
Und nun würde er alle seine alten «Gspänli» wieder treffen.
Was war wohl aus allen geworden?
War sie auch dabei?
Da war Manfred, der Sohn der Metzgerfamilie Deutsch oder Kari, der Sohn des Garagisten, der mit seiner Familie im Ort die kleine Tankstelle mit Werkstatt betrieb. Sie waren die einzigen, die aus dem kleinen Ort in die Oberstufe, genauer in die Sekundarschule, gingen. Mit Bestnoten hatten die drei die Prüfung bestanden.
Und dann nach der Rekrutenschule, der Laufbahn als Offizier bei den Hellgrünen, war er ein Quartiermeister geworden. Ein Offizier der Schweizer Armee. Das war damals noch etwas wert.
Status.
Ansehen.
Karriere.
Alles, was sein Vater von ihm verlangte, denn er sollte den Landgasthof der Familie im Tal übernehmen. Man redete ehrfürchtig über die Familie im Landgasthof.
Doch sein Vater hatte ihn rausgeschmissen.
Nur wenige Monate später landete er in Los Angeles und man hörte im Tal nie mehr etwas von ihm.
Dann kam diese ominöse Nachricht, dass sein Vater im Sterben lag und sich mit ihm aussöhnen wolle.
Er hatte lange gezögert und gezaudert.
Die Welt in der engen Ostschweiz war weit weg für ihn.
Sie war so etwas von inexistent.
Eine riesige Mauer hatte er um sich hochgezogen.
Hinter dieser Mauer baute er sein Leben auf.
Damals wurde er wegen Sex rausgeworfen.
Und als er nun im Tal war, kam die Nachricht, dass es eine Klassenzusammenkunft seines Jahrgangs gab.
Alle, einen Jahrgang höher und einen Jahrgang tiefer seien dabei. Augenblicklich pochte sein Herz und seine Augen strahlten. Sie war eine Klasse unter ihm zur Schule gegangen. Seine erste grosse Liebe und er hatte sie nie vergessen. Der Gedanke daran, dass sie dabei sein könnte an diesem Treffen, liess ihn nicht mehr los. Dieser Gedanke war die Motivation, dass er sich nochmals aufraffte. Und während er den Jeep langsam den Berg hinauf am Säntis vorbei durch die Täler lenkte, hob sich seine Stimmung.
Er erinnerte sich gut an sie.
Immer roch sie so gut.
Zusammen waren sie im Konfirmandenlager gewesen.
Sie verbrachten jede Minute miteinander, waren auf den Spaziergängen und Wanderungen immer die Letzten. Dann wanderten sie händchenhaltend stumm, versteckten sich, um sich heimlich zu küssen. Verbunden durch die erste grosse Liebe.
Dann machte sie Schluss. Aus dem nichts!
Er war ihr zu kindisch, sei noch nicht reif. Ihre Freundinnen hätten sie gewarnt.
Das hatte ihn schwer getroffen damals.
Nun war er ein gemachter Mann.
Hatte Karriere gemacht in den Staaten. Seine Restaurants waren über die ganze Westküste verteilt. Hollywood Stars und Politiker gaben sich bei ihm die Klinke in die Hand. Keine gute Party, die er nicht mit seinem First Class Catering betreute.
Die Stars schrien förmlich nach seinen Dienstleistungen im gastronomischen Bereich zu astronomischen Preisen. Doch sein Team, angestachelt durch seine Geschichten, Ideen und Träume, waren jeden Cent wert. Er liess es sich nicht nehmen, selbst am Steuer seines Helikopters zu den Besprechungen nach Las Vegas, San Francisco oder San Diego zu fliegen.
Die Stars wussten es zu schätzen.
Er hatte alles schon bewirtet. Die Gala nach der Oscar Verleihung. Das Dinner an der Grammy Show.
Exklusiv war nur der Vorname.
Und jedes seiner eigenen Restaurants verdiente gutes Geld. Schon lange wohnte er auf Tuchfühlung mit den Stars in Beverly Hills. Prinzen, Schauspieler, Musiker, Sänger, alle waren sie seine Gäste und Kunden.
Er stellte alle gastronomisch zufrieden.
Aus dem Nappa Valley liess er die besten Weine liefern, einen Crémant – einem Schaumwein, der nach der Methode Champenoise in seinem Namen gekeltert wurde mit einer
Perlage, die seinesgleichen suchte. Seine Lettern standen auf dem Etikett J.R. Brut. Und sonst nichts.
Auf der Rückenetikette alle Daten, die die amerikanische Gesetzgebung verlangte.
Arnold Schwarzenegger wurde zum persönlichen Freund und J.R hatte dessen Motto zu seinem Lebensinhalt gemacht:
«Break the rules and not the law!»
Breche die Regeln, nicht das Gesetz.
Inzwischen lenkte er den Jeep um die letzte Kurve zum kleinen Ort. Im letzten Gasthof, den es noch gab, hatte das Organisationskomitee einen Saal gemietet.
Er parkte direkt vor dem Haus.
Wie es für J.R gehörte, war der Platz dort noch frei.
An vorderster Stelle.
Im Schminkspiegel seines Luxusautos kontrollierte er sein Haar. Er war grau geworden. Doch sein Körper war noch immer gestählt. «Ironman Hawaii Finisher» – mehrfach.
Tägliches Training mit seinem Personalcoach. Das alles zahlte sich nun aus. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Dann sah er sie!
Soeben war sie aus ihrem Wagen, einem kleinen Mercedes, dem man das Tuning erst auf den zweiten Blick ansah, ausgestiegen. Sie konnte ihn hinter den verspiegelten Fenstern seines SUVs nicht erkennen.
Sie umrundete ihren Wagen, ihr Gang war tänzerisch, leicht schwebend. Sie schob das Gesäss vor sich her, die Schultern waren gespannt. Ihr ganzer Körper strahlte pure Eleganz und raffinierte Erotik aus.
Dann öffnete sich die Beifahrertür.
Er hatte sich informiert. Sie war ebenfalls eine erfolgreiche Unternehmerin. Hatte an der Universität in Zürich Rechtswissenschaften studiert, danach die Anwaltsprüfung abgelegt. Dann baute sie sich ein kleines Imperium im Fitnessbereich auf. Kleine, aber feine Fitnessclubs in ganz Europa gehörten dazu. Was aber wirklich Geld brachte, war anscheinend ihr Onlinebusiness.
Sie versandet Sportnahrung in ganz Europa. Was niemand wusste, war, dass sie mit «Dry-Food» die Armeen der europäischen Union und der Schweiz belieferte.
Millionenverträge.
Nur ihr «Dry-Food» war schweizerisch zertifiziert und wurde zu hundert Prozent aus Schweizer Produkten hergestellt. Das Produkt, das auch von Langzeitwanderern, sogenannten «Thru Hikern» geschätzt wurde. Die Speisen in den ultraleichten Alubeuteln sind bis zu vierzig Jahre ohne Konservierungsmittel haltbar. Diese Nahrung braucht weder Kühlung noch besondere Lagerhäuser, solange die Haut aus dünnem Aluminium, das fein beschichtet ist, nicht verletzt wird und Sauerstoff in das Innere gelangt. Durch Aufschneiden der Beutel und Hineingiessen von kochendem Wasser wird der Garprozess in Gang gesetzt. Der Beutel wird verschlossen mit einer patentierten Lasche und für zehn Minuten weggestellt, und der Wanderer oder Soldat, von der Umwelt abgeschnitten geniesst ein schmackhaftes und nahrhaftes Gericht.
Auf der Beifahrerseite stieg nun ein Mann aus.
Gutaussehend, kräftige Statur, Typ Coach in einem ihrer Fitness Studios.
Einige Jahre jünger als sie.
Doch das war in der heutigen Zeit kein Problem. Er umarmte sie, strich dabei mit der Hand über ihren Rücken. Die beiden strahlten sich an und verabschiedeten sich.
Ein Messerstich mitten ins das Herz von J.R.
Was hatte er erwartet?
Dreissig Jahre liess er sich nicht blicken. Es gab diese eine Nacht in Zürich, die noch immer tief in seinem Herzen eingegraben Gefühle erzeugte, die ihn schummrig werden liessen. Fast zehn Jahre, nachdem sie sich getrennt hatten, war er ihr in Zürich begegnet. Er arbeitete an der Bahnhofstrasse im Hotel St. Gotthard als «Chef de Partie». Sie studierte an der Universität. Beim Feierabendbier, mitten in der Nacht im Niederdorf, hatten sie sich per Zufall getroffen. In diesem intimen Jazzlokal, wo das Glas Bier fast nichts kostete. Aus dem einen Glas wurden mehrere, darauf folgte die zärtlichste Nacht seines Lebens.
Doch er war schon damals nur noch mit einem Bein in der Schweiz.
Er wanderte aus und wunderte sich, dass sie nach dreissig Jahren einen anderen Mann an ihrer Seite hatte. Bei allen Recherchen war es J.R. nie gelungen, etwas über ihr Privatleben herauszufinden.
Warum tat das so weh?
Sein Herz pochte.
Natürlich gab es Frauen in den Staaten. One-Night-Stands, eine längere Affäre mit einer Schauspielerin, die sich dann aber von ihrem wohlhabenden Mann nicht trennen wollte.
J.R. baute seine Geschäfte auf, trainierte täglich und war als Privatmann unsichtbar. Es gab nur noch J.R, den berühmten Gastronomen, der Schweizer Qualität auf den Teller, ins Glas, in die Restaurant und auf die Partys zauberte.
Doch diese eine Frau in der Schweiz konnte er nie vergessen. Monica war für ihn der Inbegriff der grossen Liebe geworden. Und nun sass er hier, im kühlen Ledersitz seines Jeeps und zwischen ihnen nur eine dunkel getönte Scheibe.
Er beobachtete, wie der dunkle Mercedes langsam vom Parkplatz rollte und auf der Hauptstrasse beschleunigte. Monica schaute ihm direkt in die Augen, doch er wusste, dass sie ihn nicht sehen konnte. Anhand des Nummernschildes mit einer hohen Appenzeller Innerrhoder Nummer konnte sie ahnen, dass es ein Mietwagen war.
Sie drehte ab und ging auf das Restaurant zu.
Er brauchte einige Minuten, bis sich sein Herz beruhigte und stiess dann die Fahrertür auf.
Vom hinteren Sitz angelte er sich seinen Janker.
In den Staaten war «Alpenchic» der letzte Schrei. Arnold Schwarzenegger persönlich hatte ihm diesen Kleiderstil ans Herz gelegt. „Wir Alpenburschen müssen zusammenhalten!“ Für Arny, wie er ihn freundschaftlich nannte, hatte er die grössten Partys organisiert. Als er zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde, dauerten die Festivitäten einige Tage.
Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht, beim Gedanken an seine Erfolge. Er zog den Janker über, drehte sich in Richtung des Gasthofes und wollte loslaufen.
Da stand sie vor ihm!
Ihre Augen strahlten. Ihre ganze Liebe glühte in diesem einen Blick.
„Grüezi!“ war alles, was sie sagte. Doch ihre Augen sprachen Bände.
„Grüezi!“ erwiderte er und nahm sie in die Arme. Es brauchte keine Worte, nur eine lange Umarmung.
„Weisst du, dass ich dich hasse? Du bist das grösste Arschloch auf der Alpennordseite. Du hast mich einfach so verlassen und dich nie wieder gemeldet. Hast du das Gefühl, dass ich nicht beobachtet habe, was du an der Westküste aufgebaut hast? Du hast mir weh getan, wie niemand mehr danach.“
„Es tut mir leid!» stotterte er, „doch du hast auch Unglaubliches geleistet. Rechtsanwältin mit eigenen Firmen, hoch angesehen, erfolgreich!“
Sie stiess ihn leicht weg, hob eine Augenbraue: „Du hast mich gestalkt?“
„Ja, fast jeden Tag! Ich erzählte dir täglich, was ich erreicht hatte. Die Sehnsucht nach dir war mein Kraftort, meine nie endende Energiequelle. Du hast mich motiviert, immer härter zu arbeiten, mehr zu trainieren. Du bist mit mir den Ironman auf Hawaii gelaufen, warst in meinem Herzen, als ich auf dem Pacific Crest Trail wanderte.“
Seine Stimme drohte zu versagen: „Und ich habe von ganzem Herzen gehofft, dass ich dich heute treffen würde. Denn ich habe erkannt, dass mein Leben nur vollständig wird mit dir zusammen.“
„Mir ging es genauso. Nach dieser Nacht in Zürich war es um mein Leben geschehen. Es gab nur noch dich. Alles, was ich anriss, den Aufbau meiner Firmen, immer wollte ich es mit dir teilen. Komm, lass uns nun zu den anderen gehen und danach erzählen wir uns alles!“
„OK!“ antwortete er. „Doch was ist mit dem Mann, den du eben zärtlich verabschiedet hast?“
„Du bist eifersüchtig? Wunderbar!“ lachte sie und ihr helles Lachen drang direkt in sein Herz!
„Diese Geschichte erzähl ich dir ein andermal. Komm jetzt endlich!“
Sie nahm ihn bei der Hand und so – Hand in Hand – betraten sie den grossen Saal, ohne die verdutzten Blicke ihrer alten Klassenkameraden zu bemerken. Sie hatten sich gefunden, nach dreissig Jahren und sie spürten, dass sie sich nun nie wieder aus den Augen lassen würden.
Manchmal beginnt die Geschichte erst, wenn man glaubt, sie sei vorbei. Zwei Wahrheiten standen bereit, alles zu verändern.