23. Juni 2022

Mit einem gehörigen Schrecken wachte ich morgens um vier auf. Das Zimmer war plötzlich taghell und ein lauter Knall liess das ganze Gebäude erzittern. Es blitzte und donnerte. Hellwach stürzte ich aus dem Bett zum Fenster. Immer wieder zuckten wilde Blitze durch die Nacht. Donnergrollen folgte. Ein Gewitter mitten in der Wüste?

Träumte ich? Vor dem Einschlafen las ich nämlich, dass zuhause schwere Gewitter übers Land ziehen. Doch nein, es war kein Traum. Dann plötzlich goss es wie aus Kübeln. Ich musste das Fenster schliessen, da das Fliegengitter die schweren Tropfen fein verteilt durch das Zimmer schiessen liess.

Wie habe ich es geliebt als Kind die Nase am Fenster platt zu drücken und zuzuschauen, wie sich das Regenwasser seinen Weg über den Parkplatz in die Wiese bahnte. Zuerst ganz langsam, dann immer schneller und manchmal riss ein richtiger Sturzbach die Strasse zur Herrenweid auf und das ganze Geröll wurde über die Staatsstrasse auf den Parkplatz geschoben.

Vor diesem Hotel hier kann ich nichts sehen. Der Regen fällt einige Minuten schwer auf den Asphalt und sucht sich seinen Weg. Nach wenigen Minuten war es vorbei. Ich schlüpfte unter die Decke und schlief weiter. Als ich gegen sieben Uhr erwache scheint sich die nächste Front anzukündigen.

So ging es bis kurz vor Mittag. Doch das war mir egal, ich hatte noch zu packen. Das Bounce Paket musste zur Post gebracht werden und ich hatte eh keine Lust im Regen auf den Trail zu gehen.

Ich packte meinen Rucksack. Verpflegung für sechs Tage. Sieben Liter Wasser. Der Rucksack würde wieder über 20 kg wiegen. Doch ich wollte bereit sein für die kommenden sechs Tage und für die letzten Tage in der Wüste. Das bisschen Regen würde wohl keinen der ausgetrockneten Quellen so speisen, dass sie wieder fliessen.

Dann schickte ich dem Drummer Trail Angel eine SMS und er brachte mich ins Zentrum, wo ich Sarah und Marc traf. Sie würden noch einen Tag bleiben und ihre Vorräte auffüllen.

Also machte ich mich auf den Weg. Als ich das Hotelzimmer verliess war es plötzlich dunkel. Die ‚Exit‘ Lampen flackerten mit der Notbeleuchtung und gaben dem Gang ein düsteres Bild. Wie in einem Gruselfilm kam ich mir vor. An der Rezeption machte man mich dann darauf aufmerksam, dass die Post nun auch keine Pakete mehr annehmen würde. So setzte ich mich in einen Sessel in der Lobby und wartete. Nach einer guten Stunde wurde es mir zu mühsam und ich spazierte mit meinem Paket zur Post. Doch die Schalter waren geschlossen und es konnten keine Pakete aufgegeben werden. Ich setzte mich auf eine Bank und wartetet. Dann plötzlich zuckte die Neonbeleuchtung. Der Strom war wieder da.
Ich stellte mich an den Schalter. Mit einem Griff nach hinten rechtes wollte ich meinen Geldbeutel hervorklauben. Doch wo war das Teil? Mir lief es heiss den Rücken hinunter. Ob ich mit dem IPhone zahlen könne? No Apple Pay…
Ich rannte fast zurück zum Hotel. Es gab nur eine Möglichkeit. Das Portemonnaie lag noch im Zimmer. Ab an die Rezeption mit der Frage nach einem Schlüssel. Das Problem war, dass ich meine Schlüsselkarte mit dem Geld im Zimmer liegen gelassen hatte. Die Mitarbeiterin der Lobby war so nett mir eine Generalkarte mitzugeben und siehe da. Der Geldbeutel lag mit der Schlüsselkarte noch im Zimmer. Ein wohliger Schauer überkam mich. Ich rannte zurück zur Post und gab mein Paket auf.

Später traf ich Sara und Marc beim Lunch. Sie waren durch das Gewitter gewandert und pitschnass angekommen.

Dann brachte der Trail Angel die Beiden in ihr Hotel und mich an den Trailhead.

Der Trailhead befand sich auf dem Tehachapi Pass. Es ist der Einstieg an dem auch das Buch von Cheryl Strayed ‚Wild‘ begann. Ich wanderte noch ca. 12 km bis ich den höchsten Punkt erreicht hatte und stellte mein Zelt inmitten eines schönen Waldes auf. Frühmorgen wachte ich auf, als ich Geräusche hörte. Ich erschauderte. Wir waren gewarnt, dass man nun immer mit Bären zu rechnen hatte. Mein Food war verpackt in Plastikbeuteln, doch alles lag neben mir im Rucksack im Zelt. Bereits hatte ich die Hand an der Trillerpfeife, die ich abends jeweils neben meinen Schlafsack legte. Doch da hustete der Bär wie ein Mensch und baute sich sein Zelt auf.

Für mich war es Zeit aufzustehen und meinen Siebensachen zu packen. Weiter ging es anfänglich durch dichte schattenspendende Wälder. Das nächste Wasser sollte nach 15 Kilometern folgen. Dort angekommen kochte ich mir ein Mittagessen und filterte Wasser.

Den ganzen Tag führte der Weg an riesigen Windrädern vorbei. Wie Riesen aus einem Fabelland streckten sie ihre Arme in den Wind und es knackte und rumorte. Am Ende des Windparks nach ca. 30 Kilometern stellte ich mein Zelt auf. Ich schaute mir die Route für den nächsten Tag an und erschrak. Irgendwie war mir ein Fehler unterlaufen. Es waren über 20 Kilometer bis zur nächsten Wasserstelle. Ich hatte aber nur noch 2.5 Liter Wasser…

Ich schlief unruhig, träumte von Wasserflaschen am Kiosk. Dauernd wachte ich auf und war durstig. Indem ich kleine Schlucke trank versuchte ich Wasser zu sparen.

Bereits im Dunkeln packte ich meine Sachen zusammen und als es dämmerte war ich auf dem Trail. Doch ich hatte die Strecke unterschätzt. Es ging rauf und runter. Über den Mittag legte ich mich in den Schatten und schlief. Wieder trank ich nur in sehr kleinen Schlucken.

Zwei Meilen, also 3.2 Kilometer vor der Wasserquelle hatte ich noch ca. 2 dl Wasser. Doch es waren noch über 200 Höhenmeter zu bewältigen. Inzwischen war es Abend. Noch immer brannte die Sonne gnadenlos.

Da holte mich ‚Shortcout‘ von hinten ein. Shortcut war sein Trailname. Wir kamen ins Gespräch und ich bat ihn um Hilfe. Sofort gab er mir fast sein ganzes Wasser und setzte mich zu mir. Dann machte er sich auf den Weg. Er würde nun zur Wasserquelle wandern und käme mit zwei Litern zurück. Auch ich machte mich wieder auf den Weg und 800 Meter vor der Quelle kam er mir wirklich entgegen. Wie ein Verdurstender trank ich das kühle, frische Wasser. Es roch nach Kuh und Kuhstall. Doch das war egal.

Später baute ich bei dieser Quelle mein Zelt auf und filterte über fünf Liter Wasser. Es roch wirklich nach Kuh und Kuhstall. Der Grund dafür war ganz einfach. Kühe hatten die Quelle zerstampft und überall lag Kuhscheisse! Das Wasser kam aus der Quelle durch den ganzen Mist und wir filterten es dann… wunderbar!

Am nächsten Tag versuchte ich wieder möglichst früh loszuwandern. Ich nahm über fünf Liter Wasser mit und trank oft und viel. Noch immer merkte ich, dass ich es am Vortag übertrieben hatte. Eigentlich lief ich immer mit sieben Litern Wasser los. Doch ich hatte auf andere Hiker gehört, die meinten, dass sie genug hätten mit vier oder fünf Litern. Auch Shortcut hatte ich diese Geschichte erzählt. Und was entgegnete er: ‚You have to hike your own Hike!‘

An der nächsten Wasserstelle kochte ich mir Spaghetti mit Tomatensauce und Speck. Natürlich kochte ich nicht. Ich riss eine Packung dehydrierte Nahrung auf und goss Wasser hinein. Doch nach dem Kuhwasser schmeckten sogar diese Spaghetti wunderbar!

Nach erneute über dreissig Kilometern hielt hupend ein dunkler Wagen neben mir. Peter stieg aus und streckte mir als erstes eine kühle Dose Bier entgegen. Meine Rettung!

Peter Müller und ich haben zusammen Koch gelernt und sassen in der Gewerbeschule ab 1978 drei Jahre nebeneinander. Später standen wir im Grand Hotel Hof Ragaz zusammen am Herd! Er hatte den 200 Meilen Trail Run am Lake Tahoe gefinisht und ich wusste, dass er in der Gegend war. Das Timing war perfekt. Wir fuhren nach Ridgecrest ins Best Western. Unterwegs kauften wir ein Sixpack kühles Bier. Im Hotel angekommen setzten wir uns in den Whirlpool und genossen das kühle Bier.

I have to hike my own Hike!

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