San Jacinto Gebirge – Cabazon/White Water – Big Bear City

von Jun 4, 2022Allgemein, Pacific Crest Trail, Pacific Crest Trail PCT

28. Mai – 2. Juni 2022 ca. 145 km

Der riesige SUV Tahoe rollte langsam an mir vorbei. Auf seinem Dach war das zusammen gefaltete Zelt montiert. Der Driver suchte sich einen Parkplatz an der Seite des Platzes und liess sein Fahrzeug ausrollen. Staub legte sich langsam.

Eine hübsche langhaarige Blondine stieg aus. Sie dreht den Kosmetikspiegel des SUV nach aussen und machte sich noch schöner! Ihr Typ suchte auf dem Campingplatz nach einer flachen Stelle, wo er seinen riesigen Wagen abstellen konnte. Ich musste grinsen. Das war die andere Seite der unberührten Natur! Einerseits waren in allen nationalen Wäldern und Nationalparks die Zufahrt stark reglementiert oder ganz verboten. Auf dem ganzen PCT waren nur Reiter und Wanderer erlaubt. Dann und wann kreuzten sich Hiker und motorisierte Outdoor Geniesser, was aber nie ein Problem war, denn es gab Platz, einfach richtig viel Platz.

Wie ich mir beim Einschlafen vorgenommen hatte liess ich mir morgens Zeit. Ich blieb liegen, bis ich spürte, dass mein Körper sich von der Anstrengungen des Vortages erholt hatte. Dann packte ich alles zusammen und machte mich auf den Weg. Beim Wasserfall hatte ich am Vortag sieben Liter Wasser gefiltert. ,You carry seven liter of Water!‘ warnten mich die Hiker. Es würde über 20 Meilen kein Wasser mehr geben. Das ich ‚carry‘ mal mit Wasser in Verbindung bringen würde! Mir kam da eher ‚Cash&Carry‘ in den Sinn!

Ich wusste also, dass es über 30 Kilometer kein Wassser geben würde. Der Trost war jedoch, dass es immer abwärts ging! Ich wanderte vor mich hin und liess meinen Gedanken freien Lauf. Ich war nun drei Wochen auf dem Trail. Doch ich hatte noch überhaupt nicht das Gefühl, dass ich angekommen sei. Jeden Tag erlebte ich neue Eindrücke. Die Landschaft war einfach so verschieden und so unendlich weit. Manchmal hatte ich das Gefühl ich würde mich im Kreis drehen und verlor die Orientierung völlig.

Es ging noch lange durch diese wunderschönen Lerchenwälder. Lerchenzapfen so gross wir riesige Blumenkohle lagen am Boden. Dann kam ich um einen Felsen und erschrak. Eine heftige Windböe hatte mich gepackt und riss mich herum. Der schwere Rucksack tat das Seine und ich musste ich an den Felsen festhalten. Die Böen wurden immer stärker und die Landschaft veränderte sich abrupt. Nur noch Gebüsch und sandige Wege. Es ging langsam und stetig nach unten. Vom über 2’300 Metern bis auf 300 Meter über Meer.

Der Wind pfiff durch die Büsche und wurde immer stärker. Zu meinem Nachteil war nun auch, dass ich spät aufgebrochen war. Denn auch wenn es immer abwärts gehen würde, mussten die über 30 km gewandert sein! Ich fing an jeden Meter zu zählen, schaute oft auf meine Garmin Fenix. Doch es ging nicht schneller. Inzwischen konnte ich auch keine Hörbücher mehr abspielen, da ich vor lauter Windgeräuschen nichts mehr verstand. Gleichzeitig musste ich mit dem Akku dies IPhones vorsichtig umgehen, denn ich wusste nie wieviel Energie der Solarpanel auf dem Rucksack speichern konnte.

So kam es wie es kommen musste. Drei Kilometer vor dem Wasser kämpfte ich mich mit der Stirnlampe durch den Wind. Dann, als ich endlich angekommen war filterte ich einen Liter Wasser und trank gierig!
‚Wenn es stark windet empfiehlt es sich das Zelt nach dem Auspacken am Rucksack festzumachen!‘ Ich hatte über diese Aussage im Youtube Film gelacht. Doch nun musste ich die Zeltplane wirklich festmachen. Es stürmte und das Zelt blies sich auf und zog meinen Rucksack über das Kies. Ich begann damit die Zeltstäbe einzuschieben und versuchte alles mit Heringen zu fixieren. Immer wieder wurde alles in die Luft geschleudert. Doch dann gelang es mir das Zelt fest zu verankern. Den Rucksack losgemacht. Plane auf, Innenzelt auf, Rucksack reingeworfen, ich hinten rein und das war es dann. Im Innern verpflegte ich mich, wechselte die Kleider, putzte die Zähne, indem ich das Putzwasser verschluckte und kroch in den Schlafsack. Die ganze Nacht stürmte es weiter. Sand prasselte wie Regentropfen auf die Zeltwand, die es mir bis auf das Gesicht drückte.

29. Mai 2022

Ich wachte auf. Fühlte mich wie durch die Mangel gedreht. Es stürmte noch immer. Unter Einsatz all meiner Kräfte packte ich zusammen und machte mich auf den Weg Richtung White Water / Cabazon. Wie in einem Schneesturm klatschte mir der Sand ins Gesicht. Ich musste mich abdrehen. Ich hielt an, packte das Swissman Tuch aus dem Rucksack und zog es mir bis unter die Augen. Die Kapuze der Jacke ging bis unter die Stirn, dazwischen die Sonnenbrille und so ging es vorwärts. Unter der Autobahnbrücke von White Water war es dann angenehm und windstill. Dort traf ich Trail Angel Titsy, die mich nach Cabazon in den In/Out Burger und in den Walmart fuhr. Der Walmart überforderte mich total. Doch ich braucht Food für die nächsten Tage.

Froh dem Gewusel im Markt wieder entkommen zu sein wanderte ich nach einigen Stunden weiter. Wieder war über weite Kilometer kein Wasser vorhanden. So entschloss ich mich einen kleinen Abstecher in das White Water Preservat zu machen. Dort kam mir eine Hikerin entgegen und meinte, dass alle in der Rangerstation auf dem Boden übernachteten. Es stürmte noch immer und Äste der umliegenden Bäume flogen auf den Platz, wo wir eigentlich zelten sollten. Bei meinem Eintreffen dunkelte es bereits und in der Ranger Station war es mucksmäuschenstill. Da ich den ganzen Tag keinen Handy Empfang hatte sendete ich noch meinen Standort über Satellit an meine Traumfrau, wie ich es jeden Abend machte. Die Nacht wurde unruhig. Nicht wegen des Sturms, sondern weil ich mich nicht mehr gewohnt war, mit Anderen im selben Raum zu schlafen. Immer gab es irgend ein Geräusch, sei es ein Schnarchen oder das zirpen eines Reissverschlusses. Und es wurde unangenehm heiss, da kein Fenster geöffnet werden konnte.

30. Mai 2022

Bereits ab 02:30 begannen die Hiker aufzubrechen. Ich konnte mich abends nicht mehr organisieren und brauchte Licht, um aufzubrechen. Also schlief ich weiter. Das Ziel des heutigen Tages lag – wieder einmal – auf über 2’440 Metern über Meer. Es ging ein langes Tal hinauf. Nach einigen Stunden wandern schlug ich mein Zelt am Ufer des Baches auf. Die resltichen Höhenmeter sparte ich mir für den nächsten Tag auf.

31. Mai 2022

Ich schaffte es richtig früh loszuwandern. Die Nacht war perfekt. Es wurden abends relativ schnell frisch und gegen Morgen richtig kalt. Doch so gelingt es mir viel besser mich zu erholen. Ich konnte sehr lange im Schatten wandern. Als es vor Mittag richtig heiss wurde und die Sonne runter brannte, packte ich die Zeltunterlage aus und legte mich für drei Stunden in den Schatten. Dann ging es nochmals zu Sache. Plötzlich piepste meine Garmin Fenix und meldete diverse SMS. Ich hatte also wieder Empfang. Nach mehr als drei Tagen. Was ich las, freute und ärgerte mich zugleich. Mein Freund Peter Müller wollte mich im White Water Preservat mit einem kühlen Quöllfrisch überraschen. Doch meine Satellitendaten waren nicht ganz richtig, bzw. vegass ich am Tag des Abmarsches das Tracking auf dem Garmin InReach zu aktivieren. Das war nun echt schade. Trotzdem schaffte ich den riesigen Aufstieg bis ‚Mission Camp Spring‘. Ich suchte das Wasser. Dann stellte ich mein Zelt auf und freute mich über den Campingtisch an dem ich meinen kalten Kartoffelstock ass, da mir das Gas ausgegangen war.

1. Juni 2022

Wieder gelang es mir früh aufzustehen. Eigentlich müsste ich um ca. 03:30 damit beginnen mich im Zelt zu organisieren. Dann brauche ich ca. 3/4 Stunden um mich wanderfertig zu machen. So könnte ich loswandern, wenn sich der Tag langsam anmeldet. Da wäre es nicht mehr so heiss. Könnte, wäre und sollte… kennen wir doch alle! 😉

Das Wasser aus der Mission Creep Spring schmeckte fürchterlich. Es war ein betonierter Trog in dem stehendes Wasser lag. Da mir das nicht geheuer war versetzte ich das Wasser mit Tabletten – nach dem filtern. Nun hatte ich das Gefühl, jedes Mal bei Trinken ein Schluck Hallenbad zu geniessen!

Der Wandertag verging im Flug und wieder hatte ich das Glück ein Campsite zu finden, die einen Campingtisch hat. Was bin ich doch für eine Glückspilz. In der App FarOut ist der ganze PCT beschrieben. Da steht manchmal, dass es ein schöner Platz sei mit speziellem Charme… ich denke dabei meistens an einen Kiosk mit kühlem Bier oder einem saftigen Steak vom Holzkohlengrill, serviert mit lauwarmen Kartoffelsalat, feinen Gurken und würzigem Schnittlauch.

2. Juni 2022

Wie von alleine hob es mich aus dem Zelt. In neuem Rekord war der Rucksack gepackt und ich marschierte los. Denn an diesem Tag würde ich in Big Bear City ankommen. Die Landschaft änderte sich wieder von Stunde zu Stunde. Mal Wüste, dann wieder dichter Lerchenwald. Eine Zeit lang begleiteten mich schrille Töne von irgendwelchen Grillen. Da es daneben auch nach Klapperschlange tönte, wagte ich nie nachzuschauen, wie diese Grillen wohl aussehen. Wizards – Eidechsen in jeder erdenklichen Art stieben vor mir davon oder querten kurz vor mir blitzschnell den Trail. Ein dicke Fliege kam auf mich zugeschossen. Von rechts sah ich nur einen Schatten, das sich als Wizard herausstellte. Ein Sprung und die Fliege war nicht mehr und das Eidechsli verschwand unter einem Stein! Natur pur!

Endlich kam ich am Trailhead an, wo ich den Daumen raus streckte. Nach wenigen Minuten hielt ein schöner SUV. Marianne war pensioniert, wohnte mit ihren drei Hunden in Big Bear und betätigte sich als Trail Angel. Sie chauffierte mich in die City, wo ich im US Postale Office meine Bounce Box abholte. In der daneben gelegen Sandwich Bar verschlang ich einen mittelmässigen Burger. Mit einem kühlen Bier spülte ich alles runter. Die Bedienung empfahl mit eine Unterkunft in der Nähe. ‚Only tree Blocks down!‘ erklärte sie mir. Ich machte mich auf den Weg und bemerkte, dass zwischen Block zwei und drei noch ein kleiner Flugplatz lag. Die Unterkunft war lustig. Ein Sammelsurium von Geräten. Eine Schneeschleuder neben einem Traktor usw. Niemand war da. An der Fassade hing ein Plakat ‚Trump for America 2024‘! Als ich mich bereits zum gehen wandte fuhr ein Typ in einem verbeulten Jeep vor. Er würde unter der Woche keine Zimmer vermieten, ausser ich könne 200 Dollar Deposit leisten. Mir kam die ganze Sache nicht ganz geheuer vor und ich verliess das Areal. Also wanderte ich die gut zwei Kilometer zurück und streckte wieder mal den Daumen raus. Im Motel 6 fand ich dann ein perfektes Zimmer.

Ich war überglücklich. Gefühlt eine halbe Stunde stand ich unter der Dusche. Dann wusch ich all meine Kleider in der Coin Laundry. Mit einem genussvollen Hüpfer legte ich ich ins Bett!

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