Mammoth – Yosemite – Kennedy Meadows North

von Jul 26, 2022Allgemein, Pacific Crest Trail, Pacific Crest Trail PCT

Montag, 18. Juli – Sonntag, 24. Juli 2022
km 1’459.0 – km 1’636.0

Mammoth Lake zeigte sich zu meinem Abschied am Sonntagabend von der besten Seite. Ich hatte ein gepflegtes Restaurant gefunden, trank einen perlenden rosé Sparkling Wine und ein wunderbares Glas ‚Cabernet Sauvignon‘. Serviert wurde mir ein Rindsfiletsteak mit Risotto und grünen Spargeln.

Doch ich verstand nicht warum der Risotto als Krokette ausgebacken wurde und die Spargeln verbrannt waren. Das Filet – es war die Empfehlung des Küchenchefs – wurde statt rare, durchgebraten serviert. Das Fleisch war aber trotzdem noch zart. Ich machte den Kellner darauf aufmerksam, der mir das Gericht ersetzen wollte. Der Küchenchef kam sogar an den Tisch um sich zu entschuldigen. Ich wollten nicht, dass das Essen nun weggeschmissen wurde. Es war ja ganz ok. Trotz allen hatte ich Spass an diesem Abend. Es war mal nicht Burger oder Pizza oder irgend ein Fast Food. Und der Wein perlte in einem richtig schönen grossen Glas.

Am Montagmorgen musste ich mein Bounce Paket auf die Post bringen. Dann machte ich mich auf den Weg zum Bus. Der erste Bus brachte mich ins Zentrum, von wo der Bike Shuttle mich ins Adventure Zentrum an den Berg brachte. Es waren bereits tausende Menschen auf den Beinen. Mammoth ist ein riesiges Skigebiet, das im Sommer voll auf Bike- und Wandertourismus setzt.

Die Biker, bzw. Velofahrer, sind entweder auf dem Downhill- oder dem Elektrovelo unterwegs. Nur ganz wenige fahren klassisch mit dem Mountainbike durch die Gegend. Am Sonntag, meinem Zero (Ruhetag) mietete auch ich mir so ein Elektrovelo. Mit Velo hat dieses Teil nicht viel gemeinsam. Batteriegetrieben liess ich mich an den Berg zum Adventure Centre fahren. Nichts mit treten. Ein Druck auf den Gashebel am rechten Lenker genügte um das Gerät aufwärts auf 45 Meilen zu beschleunigen. Ich fuhr locker mit dem ganzen Autoverkehr mit. Doch der Ausflug machte Spass und ich konnte die ganze Gegend erkunden. So fand ich auch die Alpenhof Lodge in dem die Familie meiner Traumfrau vor über 40 Jahren logiert hatte.

Am Montag ging es nicht mehr so schnell vorwärts. Im Adventure Center musste ich für den Bus ins Wandergebiet anstehen. Der Trailhead zum PCT lag beim Red Meadows Resort, die Busse dahin waren proppenvoll. Drei Busse ging es, bis auch ich auf den Berg chauffiert wurde. Damit verlor ich rund drei Stunden Wanderzeit, was meinen Zeitplan durcheinander brachte. Doch irgendwann mitten im Nachmittag war auch ich wieder auf dem PCT. Es herrschte noch immer sehr viel Traffic, da der Trail nun neben den JMT Hikern auch die Daily Hiker schlucken musste.

Bereits am Mittag bildeten sich riesige Blumenkohlwolken rund um die grossen Berggipfel. Mit der Zeit wurden die Wolken grauer und dunkler. Und prompt tröpfelte es hie und da. Dann begann es leicht zu nieseln. Ich beschloss mein Zelt für die Nacht aufzustellen, obwohl es erst um sechs Uhr abends war. Ich stellte das Zelt auf und kochte mir in einiger Entfernung mein Abendessen. Doch das Tröpfeln entwickelte sich nicht um nachhaltigen Regen. Ich packte mein Zelt wieder zusammen und wanderte weiter.

Es ging steil bergauf und nach einigen Meilen beschloss ich für die Nacht zu bleiben. Die Natur veränderte sich immer wieder. Mal hatte ich das Gefühl, ich sei wieder in der Wüste, dann säumten riesige Bäume den Weg. Frisches Wasser plätscherte quer über den Trail. Es ging durch riesige Felsen auf weichen breiten Trail, aber auch über Schotter.

Ich schlief wunderbar und stellte nun den Wecker auf vier Uhr morgens. Einige Minuten vor dem Wecker wachte ich auf. Ich musste dringend mal raus. Gleichzeitig nahm ich den Bärenkanister ins Zelt und machte mir Kaffee, dazu ass ich Müesli mit Wasser leicht eingeweicht. Ich hatte einen guten Flow und machte mich im Schein der Stirnlampe auf den Weg.

Mein Plan war Kennedy Meadows North nach fünf Tagen zu erreichen. Mit Sara und Marc hatte ich abgemacht, dass wir uns dort treffen würden. Sie waren bereits am Sonntag losgewandet, das sie kein Paket zur Post bringen mussten. Doch bereits nach einem Tag musste ich einsehen, dass das ein zu grosses Ziel war. Am ersten Tag wollte ich rund zehn Meilen, also 16 Kilometer wandern. Da ich zu spät auf Trailhead war, wurden es nur 5 Meilen. Am zweiten Tag musste ich feststellen, dass der Trail viel mehr steile Auf- und Abstiege hatte, als ich vorausgesehen hatte.

Doch die Landschaft wurde immer einzigartiger. Nach jedem Aufstieg folgte ein wundervoller Blick auf tiefblaue Bergseen und riesige Gipfel. Es war atemberaubend!

Die Begrüssung im Yosemite Nationalpark gestaltete sich einmalig. Ein harter und langer Aufstieg auf den Donohue Pass mit 3’375 m war zuerst zu bewältigen. Wieder hatten sich riesige Quellwolken gebildet und bereits nach dem halben Aufstieg fing es an zu tröpfeln. Ich machte Rast und kochte mir ein Mittagessen. So dachte ich, dass es sich wie am ersten Tag um falschen Alarm handeln würde. Prompt hörte es auf zu tröpfeln. Doch die Wolken wurden immer bedrohlicher. Nach einigen Stunden und wenigen Metern vor dem Gipfel platzten plötzlich riesige Regentropfen aus dem Himmel. Ich reagierte schnell, packte meinen Rucksack ein und zog die Pelerine über. Bereits goss es wie aus Kübeln, dann kam Hagel dazu und für wenige Sekunden schneite es. Alles um mich herum war für einen Augenblick weiss. Dann wurde aus dem Regen ein lästiger Nieselregen, der urplötzlich von einer Sekunde auf die nächste abgestellt wurde. Als ob einer die Gartenbewässerung abdrehen würde.

Rundherum blauer Himmel. Nur ich stand unter dieser einen Wolke und war durchnässt. Doch dann schien die Sonne, als ob nichts gewesen wäre und trocknete mich ab.

Da sah ich das Schild vor mir: ‚Entering Yosemite Wilderness‘. Ein riesiges Tal lag vor mir. Blaue Seen, weit unten ein eine Ebene mit grüner Wiesen und darüber Berggipfel auf denen noch Schnee lag. Ich wollte noch möglichst weit in dieses Tal wandern um einen schönen Schlafplatz zu finden. Es ging über 22 Kilometer einfach abwärts. Doch im PCT App las ich, dass von einer bestimmten Stelle das campieren verboten sei. Diese Stelle war die Tentsite ‚Vogelsang‘. Das war mein Ziel.

Kurz vor diesem Spot rief eine Stimme aus dem Wald. Ein junger, blonder Mann stellte sich als Ranger Adam vor. Wir plauderten und er machte mich darauf aufmerksam, dass es einen Bären gebe in der Nähe. Ich meinte, das sei doch kein Problem, ich hätte so viele Hirsche gesehen, dass er sich so einen zum Nachtessen nehmen würde. Der Ranger lächelte und meinte, dass die Bären Vegetarier seien. Sie würden sich von Kräutern und Beeren ernähren. Pilze hätten sie auch sehr gerne. Ich war baff. Vor lauter Erstaunen vergass ich zu fragen, was den mit den Lachsen und den nach Forellen jagenden Bären sei? Der Ranger erklärte mir, dass es wichtig sei, das Essen im Bärenkanister vom Zelt weg aufzubewahren und wenn ein Bär auftauchen würde, müsse man Lärm machen um ihm zu zeigen, wer der Chef ist. Dann gäbe es kein Problem. Ich war beruhigt. Dann baute ich mein Zelt auf und versteckte den Bärenkanister in einiger Entfernung im Gebüsch, zusätzlich mit Steinen eingemauert. Kein Bär würde an mein Essen gelangen!

Ich wachte wieder früh auf und trat die neue Wanderung bei ‚Daylight‘ an. Hirsche standen am Trail. Ich konnte fast die Hand ausstrecken, so nah asten die Tiere. Ein Rudel Rotwild mit schönen Geweihen blickten mich nicht einmal an. Und eine Meile später liess es sich ein Rudel Hirschkühe gut gehen. Ein Tier kam auf mich zu und schaute mich spöttisch an als ob es sich dachte: , Was will den der so früh hier?‘ Überall am Rand des Trails sah ich Hiker, die langsam ihr Zelt verliessen. Am einen und anderen Ort zischte bereits der Gaskocher.

Am Highway No. 120, der den Yosemite Nationalpark durchquerte, lag das Tuolumne Meadows Post Office und Store. Da wollte ich frühstücken. Es gäbe ein Restaurant und einen Store. Das Restaurant war geschlossen. Im Store fand ich alles, was ich brauchte. Glace, Chips und eisgekühlten Cappuccino zum Frühstück.

Später wanderte ich durch den östlichen Teil des Yosemite. Wunderbare Seen, Bachläufe und Wasserfälle säumten den Weg. Es ging steil bergab und ebenso steil hinauf.

Als ich inmitten eines Aufstieges ein Pause machte fiel mir in einiger Entfernung Rauch über den Bergen auf. Eine Hikerin aus New York gesellte sich zu mir und erklärte mir, dass das das Wildfire in Marioposa sei. Der Rauch färbe sich pink, da die Flugzeuge mit Chemikalien versetztes Wasser abwerfen würde. Doch das Feuer sei für uns nicht gefährlich, da es sich in ungefähr 60 Meilen, also 100 Kilometern Entfernung befände.

Der Aufstieg war sehr steil. Ich schwitzte und schnaufte. Es ging über Felsbrocken und über Stufen. Mein Ziel war der Lake Wilma auf der anderen Seite. Als ich das nächste Mal Rast machte entdeckte ich eine riesige graue Wolke über mir. Doch es war keine Regen- oder Gewitterwolke. Es war Rauch. Beängstigend schob sich die Wolke über das ganze Tal. Ich fragte meine amerikanischen Freunde, was denn nun zu tun sei? Sie zuckten mit den Schultern und wussten es nicht. Ich dachte mir, dass ich einfach an einem sicheren Ort übernachten wolle. Also wanderte ich bis zum eindunkeln. Ich fand eine riesige Felsplatte mit Ausblick über das ganze Tal. Da würde nichts brennen, dachte ich mir, baute mein Zelt auf und schlief sofort ein. Zusätzlich beruhigte mich das Plätschern des Flusses in der Nähe.

Am nächsten Tag war die Rauchwolke verschwunden. Bereits in der Dunkelheit machte ich mich im Zelt bereit und mit dem ersten Tageslicht zog ich weiter. Es ging rund zehn Kilometer sanft ansteigend bis auf über 3’000 m. Dort würde ich wunderschöne Seen und Wälder antreffen. Dann roch es plötzlich verbrannt. Ich drehte mich um und traute meine Augen nicht. Wie Nebel stieg Rauch hinter mir den Pass empor. Es war Rauch aus dem über 60 Meilen entfernten Wildfire. Ich beeilte mich auf den Pass zu kommen. Meine Idee war dass die Winde da oben den Rauch verblasen würde. Da ich wusste, dass mich meine Traumfrau und meine Kinder zuhause über Garmin trackten, sendete ich eine SMS über Satellit, dass alles in Ordnung sei.

So war es auch. Ich war nicht in Gefahr und der Rauch verzog sich am Pass. Es folgte ein langer Abstieg über 12 Kilometer. Über einen letzten Pass, der auf 3’300 m lag würde ich dann den Sonora Pass erreichen. Von dort gäbe es einen Shuttle nach Kennedy Meadows North. Ich war so zügig unterwegs, dass ich die 1000 Meilen Marke verpasste. Ich war also nun über 1’600 km auf dem Trail. Seit 76 Tagen wohnte, lebte und wanderte ich auf dem Pacific Crest Trail. Plötzlich hatte ich unglaubliches Heimweh. Doch die Ereignisse überschlugen sich und ich konnte mich dem Gefühl gar nicht richtig hingeben. Ich freute mich unglaublich, bis ich wieder nach Hause telefonieren konnte. Das gab Energie und ich gab Vollgas.

Als ich mir einen Kartoffelstock mit Thunfisch zum Lunch kochte roch es plötzlich wieder. Nun senkte sich der Rauch über das ganze Tal. Die Sicht war eingeschränkt. Die Sonne wurde verdeckt. Das Licht war plötzlich leicht orange. Ich atmete normal, hatte keine Beschwerden.

Ich machte mich auf den Weg den letzten Pass zu bewältigen. Nochmals 600 Höhenmeter waren zu bezwingen. Oben angekommen sah ich alle Täler rundherum mit Rauch gefüllt. In einem windgeschütztem Winkel kochte ich mir den letzten Kartoffelstock. Nun hatte ich absolut nichts mehr zu essen, ausser einer Portion Instant Kaffee. Leider hatte ich es auch verpasst vor dem Aufstieg genug Wasser zu filtern.

Ich beschloss noch einige Kilometer zu wandern und an einem windigen Ort mein Zelt aufzustellen. Es wurde ein phänomenaler Abend mit Farben, die ich so noch nie gesehen hatte. Der Wind blies immer stärker. Da stellte ich fest, dass ich Empfang hatte auf meinem Handy. Nach sechs Tagen endlich mal wieder ein paar Bilder senden. Anrufen ging nicht da es Zuhause weit nach Mitternacht war.

Ich schlief unruhig. Ein ungutes Gefühl hatte mich beschlichen, da ich dem Rauch nicht ausweichen konnte. Das Wasser war knapp. Früh wachte ich mit Kopfschmerzen auf. Es war mir nicht klar ob ich zu wenig getrunken hatte oder ob der Rauch mit zusetzte. Der Rauch hatte sich verzogen und die Sicht auf die umliegenden Berggipfel war nur von leichtem Dunst getrübt.

Es gab nur eines. Auf die Plätze, fertig los machte mich auf die letzten neun Kilometer. Es ging nochmals aufwärts und dann in weiten Serpentinen nach unten. Am Highway 108, dem Sonora Pass, warteten bereits weitere Hiker auf den Shuttle nach Kennedy Meadows North.

Im Resort stürmte ich den Shop und kaufte ein. Was ich gerade Lust hatte. War das ein Genuss. Mittags noch einen Burger mit viel Pommes und abends ein riesiges Stück Prime Ryp mit Mais.

Nachmittags trank ich mit einigen Hikern Bier. Ein Sixpack nach dem anderen wurde herum gereicht. Dazu gehörte der neuste Hiker Trash. Es hiess, dass der Trail zwischen Sonora Pass und Lake Tahoe im Rauch sei. Es hätte rechts und links Wildfire gegeben. Viele Hiker meinten, dass sie den Strech überspringen würden um mit Hitch Hiking nach Tahoe zu gelangen. Ich wollte mich am kommenden Tag entscheiden.

Am nächsten Morgen gab es immer noch dieselben Gerüchte. Rauch sei auf dem Trail. Ich hatte mich entschieden mit dem Shuttle um zehn Uhr vormittags zurück an den Trailhead am Sonora Pass zu fahren und dort zu entscheiden, wie es weitergeht. Inzwischen war das ganze Tal um Kennedy Meadows in leichte Rauchschwaden gehüllt. Am Vortag hatte ich noch eingekauft und meine Ausrüstung auf Vordermann gebracht. Dazu gehörte natürlich auch zu duschen und die ganze Wäsche zu waschen.

Als wir gegen den Sonora Pass fuhren wurde die Sicht immer besser und oben angekommen begrüsste uns strahlend blauer Himmel. Das waren doch mal gute Vorzeichen. Doch auf dem Parkplatz standen rund zehn Hiker, die am Vortag nur rasch in Kennedy Meadows waren um ihre Lebensmittel aufzufüllen um dann weiter zu wandern. Sie waren fünf Meilen auf dem Trail gewandert um dann zu übernachten. In der Nacht wurde der Rauch immer schlimmer, so dass sie mit tränenden Augen und Husten zum umdrehen gezwungen waren.

Meine Entscheidung war klar. Ich hob den Daumen und nach einigen Stunden war ich im South Lake Tahoe im Hotel. Hier werde ich die Lage beobachten und wenn es am Mittwoch (27. Juli 2022) besser ist Northern California in Angriff nehmen.