Independence – Mammoth Lakes

von | 16. Jul. 2022 | Allgemein, Pacific Crest Trail, Pacific Crest Trail PCT

Freitag, 8. Juli – Freitag, 15. Juli 2022
km 1’268 – km 1’459 (zusätzlich Rückstieg zum Trailhead über Kearsagepass 15km und 1’200hm)

Ich sass vor dem Tankstellenshop in Independence. Ich wollte hier nur noch weg! Wollte wieder raus in die Wildnis in mein Zelt. Riesige Lastwagen rollten langsam auf dem vierspurigen Federal Highway vorbei. Die typische amerikanische Kleinstadt ist wie ausgestorben. Jedes zweite Gebäude zerfällt. Das ganze gastronomische Angebot beschränkt sich auf eine Sandwichbar in einer Tankstelle und einem Taco Foodtruck.

Doch plötzlich stoppte ein Auto nach dem anderen und Arbeiter drängen sich in das Innere. Vor der Theke bildete sich eine lange Warteschlange. Eigentlich war der Plan ein schönes Sandwich mit auf den Trail zu nehmen. Doch da bemerkte ich, dass weitere Hiker dieselbe Idee hatten. Ich überlegte mir, dass es nun immer schwieriger würde, einen Ride zum Trailhead zu ergattern. Einen Ride zu ergattern bedeutete schlicht und einfach Autostopp zu machen. Doch sobald mehr als zwei Hiker am Strassenrand stehen würden, wird es immer schwieriger. Also machte ich mich auf den Weg.

Ich stellte mich an die Strasse und hob den Daumen. Keine zehn Minuten später stoppte eine junge Frau ihren Subaru Forester. Sie würde mich gerne mitnehmen, doch zuerst musste sie den Vordersitz frei räumen und im Kofferraum Platz für meinen Rucksack machen.

Mira, so ihr Name, ist Software Programmiererin. Doch ihre Freizeit verbringt sie in den Bergen beim Klettern. Sie würde auch vom Onion Valley Campground, dem Trailhead retour zum PCT, in die Berge starten.

Bis ich jedoch zurück zum PCT kam müsste ich den Kearsage Pass nochmals bewältigen um dann nach 15 Kilometern und 1’200 Höhenmetern wieder auf dem Trail zu sein.

Das Programm in der Sierra für die nächsten Tage sah also folgendermassen aus:

Kearsage Pass 2’806 m / 3’595 m
Glen Pass 3’208 m / 3’644 m
Pinchot Pass 2’602 m / 3’696 m
Mather Pass 3’064 m / 3’686 m
Muir Pass 2’454 m / 3’649 m
Selden Pass 2’342 m / 3’326 m
Silver Pass 2’545 m /3’285 m

Und dazwischen noch einige kleine Aufstiege und Abstiege.

Ich musste immer wieder anhalten um zu fotografieren. Die Landschaft ist wirklich fantastisch. Es muss sich etwas so abgespielt haben. Als der liebe Gott die Welt erschuf, baute er wahrscheinlich zuerst die Alpen in Europa. Er war erschüttert wie schön, dass ihm diese Berge und Täler gelungen waren. Dann merkte er, dass er in Nordamerika noch nicht fertig war. Die Alpen waren aber irgendwie sein Meisterstück. So dachte er sich, dass er nun einfach alles kopieren und vergrössern würde!

Die Sierra ist gewaltig. Es gibt alles, was wir in den Alpen haben mit viel mehr Platz. Doch Entscheidendes fehlt! Du findest während über sieben Tagen Wanderung keine einzige Bergbeiz. Kein kühles Quöllfrisch, keine Chäshörnli, einfach nichts. Nicht einmal ein rotes Ruhebänkli.

Doch das ist auch gut so! Denn die Amerikaner sind in dieser Hinsicht extrem radikal. Wo Nationalpark drauf steht, da ist auch Nationalpark drin. Nur mit Menschen- oder Pferdekraft werden Unterhaltsarbeiten ausgeführt. Es ist ein Ausgleich zur unglaublichen Umweltverschmutzung, die man den grossen Highways und Interstates entlang beobachtet.

Doch die Berge geben mir eine gewaltige Energie. Die Ideen sprudelten nur so und ich komme kaum nach aufzuschreiben, was mein Herz und meine Seele meinem Gehirn diktieren. Gedanken werden plötzlich glasklar.

Der Tagesablauf hat sich nun einem gewissen Rhythmus angeglichen. Damit mich mein innerer Wecker nicht die ganze Nacht wach hält, stelle ich nun mein IPhone auf vier Uhr. Meistens bin ich einige Minuten vor dem Wecker wach. Dann ziehe ich die Stirnlampe an und ziehe mich um. Alles sauber verpacken und in den Rucksack stopfen. Aus dem Zelt kriechen. Das Zelt abräumen und verpacken. Den Bärenkanister aus dem Versteck holen und den Rucksack fertig packen. Dann geht es los und ich wandere einige Kilometer, bevor ich einen ‚Zmorgä‘ Halt mache. Da koche ich mir einen Kaffee und dazu gibt ein Gericht aus einem dehydrierten Fertigbeutel. Dann geht es weiter.

Ich traf auch diese Woche viele spannende Menschen. Noch immer verläuft der PCT entlang dem John Muir Trail, dem JMT. Diese Hiker wollen dann immer wissen, woher ich komme. Ich antworte meistens, dass ich aus ‚Switzerland‘ komme. Oder ich nenne die mexikanische Grenze. Immer und in jedem Fall sind die Hiker begeistert, wenn ich ihnen erzähle, dass ich ein PCT Thru Hiker sei. Wir so etwas wie die Krone der Hikerschöpfung.

Eine der schönsten Aufstiege ist der zum Muir Pass. Ein nicht enden wollendes Tal, das zuerst langsam durch dichten Wald, entlang eines wunderschönen Flusslaufes ansteigt. Ich dachte oft, dass mich jetzt dann ein Kutsche zum Hotel Rosegg überholen würde. Doch dann wird der Fluss immer tiefer und ich fühlte mich wie in der Schöllenen Schlucht. Die folgende Landschaft präsentiert sich wie die Greina Hochebene. Und hinter jeder Kurve lag wieder ein neuer Bergsee und ich konnte es nicht lassen und musste einfach in das kühle Wasser springen. Das Wasser war wie im Necker in St. Peterzell. Kühl, sauber und unglaublich frisch!

Dann traf ich auf eine Frau am Wegesrand. Sie wollte alles von mir wissen. Sie sei Christin und eine Managerin in Los Angeles. Jeden Sommer würde sie ein Permit lösen und für vier Wochen hier oben leben. Im Kings Canyon Nationalpark war es aber verboten sein Zelt mehr als zwei Tage am selben Ort zu belassen. Ansonsten darf man aber zelten wo man will. Einfach ein Abstand zu Gewässern ist einzuhalten. So würde sie ihr Zelt jeden zweiten Tag wo anders aufstellen und alles sechs oder sieben Tage wandere sie über ein Pass nach Bishop um sich neu mit Verpflegung einzudecken. Als ich wieder einige Höhenmeter zurück gelegt hatte und zurückschaute, sah ich wie Christin über eine Wiese tanzte! Eine Hexe in den Bergen.

Beim Abstieg vom Seldenpass wurde ich von Romana angehalten. Ein junge, sehr schlanke Studentin aus Los Angeles. Sie trug eine Kamera mit einem riesigen Objektiv vor sich her. Ich hatte das Gefühl, die Kamera wäre schwerer als ihr Rucksack. Sie hätte mich soeben fotografiert, wie ich durch die Furt gewatet sei. Gerne würde sie mir ein Foto senden, wenn ich ihr meine Mailadresse angeben würde. Ich bin echt gespannt, ob diese Fotos ankommen werden.

Jedes Mal wenn ich einen Pass überschritten hatte und unter die 3’000 Meter Marke in der Nähe eines Flusses oder Sees kam wurde ich von Mücken angegriffen. Es kam soweit, dass meine Hände in einem allergischen Schock anschwollen. Zum Glück hatte mein Freund Jarmile daran gedacht und mich mit Cortison ausgerüstet. Ich nahm zweimal 10 Tabletten in zwei Stunden und am nächsten Tag waren meine Hände wieder im Normalzustand. Am ganzen Körper zählte ich jedoch über 40 Einstiche.

In dieser Nacht schmiedete ich einen Plan. Ich wollte endlich wieder Kontakt zur Aussenwelt. Ich wollte mit meiner Traumfrau telefonieren, meinen Kindern Fotos senden und ich wusste nämlich, dass mein Bounce Paket auf der Poststelle in Mammoth auf mich warten würde. Doch ich hatte festgestellt, dass dieses Postamt nur bis Freitag 16:00 geöffnet sein würde! Da dachte ich mir, dass ich nun eine Challenge fällig sei.

Es waren noch über 125 km bis Mammoth Lake. Montagnacht! Wenn ich also am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag je 35 km wandern würde, blieben für Freitag noch 20 km. Das müsste reichen, um das Paket abzuholen. Doch es war mir zu knapp. Also beschloss ich am Dienstag 35 km zu wandern, Mittwoch und Donnerstag zwei Marathontage einzuschalten. Dann blieben für Freitag noch ein paar zerdrückte Kilometer.

Der Dienstag wurde nicht so toll, wie vorgestellt. Der Muir Pass war ein harter Brocken. Doch Mittwoch und Donnerstag klappten hervorragend. Trotzdem: Es wurden lange Tage, doch ich habe es geschafft und sitze nun in Mammoth Lake an meinem Surface Tablet, das in diesem Bounce Paket lag. Dafür mache ich nun ein freies Weekend und bin zuversichtlich, dass ich es noch bis Kanada schaffe. Denn heute morgen passierte ich die 900 Meilen Marke auf dem PCT und ich weiss nun, dass ich in der Lage bin Marathon Tage, also 41.8 km Tage mit 1’000 – 1’500 Höhenmetern zu bewältigen. Und die Höhenmeter werden in North California und Oregon moderater. Es werden nicht weniger, doch die Auf- und Abstiege sind weniger ausgeprägt.

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