Ich bin sehr froh, dass ich mich entschlossen habe, hier in Tehachapi zwei Ruhetage – zwei Zeros im Hiker Slang – einzubauen. Mein Körper war müde, die Anstrengungen in der Wüste waren sehr hoch.

Ich sitze in meinem Hotelzimmer. Es ist der 46. Tag auf meiner Reise. Noch nie war ich überhaupt so weit weg. Es ist mir absolut nicht bewusst, dass ich so lange unterwegs bin.

Nach über einem Monat hatte ich das Gefühl in den USA, auf dem Pacific Crest Trail, angekommen zu sein. Es stellte sich eine gewisse Routine ein. Doch bis vor zwei Tagen konnte ich das wetteifern nicht ablegen. Ich überlege mir oft, ob ich in Kanada ankommen würde? Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht zufrieden bin, mit der Strecke, die ich zurückgelegt habe. Es sind uralte Muster, die sich nur langsam, sehr langsam auflösen. Ich bin nur gut genug, wenn ich mehr leiste, länger und härter arbeite. Doch dem ist nicht so!

I hike my own Hike!

Raus aus dem Hamsterrad! Daneben stehen und zuschauen, wie das Rad langsam stehen bleibt. Dazu braucht es keine zwanzig, dreissig oder vierzig Meilen am Tag. Dazu braucht es Mut. Viel Mut! Es braucht den Mut über sich selber hinaus zu wachsen. Es braucht den Mut zuzugeben, dass es nicht weiter, schneller und höher geht. Sich einzugestehen, dass Einhalt mehr bringt. Ich sehe mich neben dem Hamsterrad stehen und wundere mich darüber, dass ich da so lange mitgerannt bin. Auch auf dem Trail brauchte ich über einen Monat um das zu begreifen. Der Aha Moment kam, als ich in Hikertown in die alte klapprige Kiste von ‚Turbine‘ stieg.

‚I hike my own Hike‘ bedeutet schlicht und einfach auch mal nicht zu wandern. Einfach mal eine oder zwei Stunden im Starbucks zu sitzen und gekühlten Kaffee zu trinken. An den Swimming Pool zu liegen und nichts zu tun!

Ich habe Zeit – viel Zeit!

Auch das wurde mir erst nach über einem Monat klar. Meine Traumfrau und liebe Freunde habe mir das schon lange gesagt, doch gehört habe ich es nicht!
Irgendwann Ende September werde ich an der kanadische Grenze ankommen. Es kann aber auch sein, dass es Mitte September in Washington State schneit. Dann muss ich umkehren und kann nicht mehr weiter, weil es einfach zu gefährlich wird. Ich habe die Zeit trotzdem und zwar jetzt. Genau jetzt! Also, was soll das Gehetze und der Stress. Am Ende entscheidet die Natur, ob ich Washington State noch durchqueren kann oder nicht!

The Trail provide!

Der Trail schaut zu dir. Wenn ich etwas brauche, schaut der Trail, dass ich es erhalte. Manchmal ist es die einfache Antwort auf die Frage, wo es Wasser hat. Es heisst nicht, dass ich ohne Vorbereitung und Planung los laufe. Ich nehme genug Wasser mit. Schaue, dass die Menge der Verpflegung hinkommt. Doch dann ist gut! Dann gilt es zu wandern und zu sein!

Natürlich gibt es einiges zu erledigen. So muss die neue Etappe geplant werden. Resupply will organisiert sein. Ich habe einen Tag damit verbracht mein Equipment wieder in Ordnung zu bringen. Nun hoffe ich, dass ich die kleinen Löcher in der sündhaft teuren Luftmatratze gefunden habe. Als ich das Bügeleisen im Hotelzimmer entdeckt habe kam mir die Idee meine Skinfit Wanderhose mit einem Aufbügler von innen zu reparieren, was ganz gut funktioniert. Der Riss in der Zeltverpackung mussten mit Panzertape geklebt werden. Das Shirt, dass ich mit dem Hüftgurt zerrissen habe will ich ersetzen.

Alles Dinge, die zu tun sind. Doch alles ist in wenigen Stunden erledigt. Dann gilt es Vertrauen zu haben, dass alles richtig und bereit ist!

Mein Ordonanz Gurt!

Anfang November 1984 rückte ich in die Fourierschule in Thun ein. Normalerweise war die Four Schule in Bern stationiert. Doch der Novemberkurs war immer in Thun. Dort erhielt ich auch den Ledergurt eines höheren Unteroffiziers der Schweizer Armee. Genau diesen Gurt habe ich auf meinen Trail mitgenommen. Denn es gibt nicht widerstandsfähigeres als so einen Ledergurt. Innen an der Schalle sind Buchstaben ins Leder eingestanzt. ‚Cellier Neuchâtel 81 120‘ steht da. Der Gurt wurde also 1981 in Neuchâtel hergestellt.

Warum ich das alles erzähle?

Als ich in Campo an der mexikanischen Grenze losmarschiert bin, hatte ich den Gurt bei Loch neun fixiert. Inzwischen bin ich bei Loch drei! Da ist also einiges an Umfang verloren gegangen. Gefühlt habe ich bereits über 10 kg weniger an Körpergewicht zu schleppen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Gurt im letzten Loch verschlauft wird.

Gedanken zu Ende denken!

Ich ertappe mich oft dabei, dass sich meine Gedanken im Kreis drehen. Ich setze einen Fuss vor den anderen. Doch es gelingt mir nicht Gedanken wirklich fertig zu denken. Zu oft erwische ich mich dabei, dass ich etwas, das in der Vergangenheit liegt, verurteile. Das habe ich falsch gemacht usw.
Wie doof ist denn das?
Ich kann absolut nichts mehr ändern! Zu oft bin ich noch in der Vergangenheit verbandelt. Wenn ich es fertig bringe, die Erfahrungen der Vergangenheit mit den Gedanken zur Zukunft zu verknüpfen?
Der Punkt ist, dass ich noch keine Ahnung habe, was ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz machen werde. Wenn ich eine Idee finde, schaue ich mir diesen Gedanken an, ohne – und das ist der grosse Vorteil des Abstandes, den ich im Moment habe – in Aktionismus zu verfallen!

So, nun mache ich mich auf den Weg um einzukaufen!

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