Big Bear Lake – Wrightwood

von Jun 11, 2022Allgemein, Pacific Crest Trail, Pacific Crest Trail PCT

4. Juni – 10. Juni ca. 155 km

4. Juni, Pfingstsamstag, half Zero Big Bear City

‚Das ist genau die Strasse die mein Auto braucht!‘ strahlte Marianne mich an und gab Gas. Die Fenster waren geschlossen. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Eine Staubwolke verfolgte und uns der SUV wurde kräftig durchgeschüttelt.

Mit einem Lächeln auf den Lippen gab sie nochmals Gas. ‚Mein Boy Friend will immer die Fenster öffnen. Doch dann sage ich, er müsse dafür das Auto waschen. Dann lässt er es sein.‘ Marianne ist 58 Jahre alt und wohnt in Sougarhill, einem Ort in der Nähe von Big Bear City. Sie hatte mich vor zwei Tagen bereits nach Big Bear gefahren und brachte mich nun zurück an den Trail Head. In Los Angeles besitzt sie ein Haus, das sie an reiche Eltern von verwöhnten Studenten vermietet. Zum Zeitvertreib betätigt sie sich als Trail Angel. Früher war sie als Grafikerin und Designerin für Disney in Hollywood tätig. Anscheinend sehr erfolgreich, so dass sie nun das Leben geniessen konnte. ‚Ich war gerade mit meinen Hunden in einem Wüstentraining, als ich dich aufgelesen habe. Das ist ein Training, damit sich die Hunde an die Hitze gewöhnen. Gleichzeitig müssen sie lernen, wie sie sich verhalten, wenn ‚Rattle Snakes‘ oder andere gefährliche Tiere ihren Weg kreuzen.‘

Mein ‚Zero‘ in Big Bear war Erholung pur. Irgendwann traf ich Christian und Zorah, ein deutsches Hiker Paar, das ich auf dem Trail kennen gelernt hatte. Zu dritt standen wir an der Haltestation und warteten auf den Bus. Big Bear City und Big Bear Lake hatten einen Mountain Bus, der auf verschiedenen Routen fuhr. Im Prinzip fuhr der Bus einfach immer rundherum. Es war absolut kostenlos. Das hatte den Nachteil, dass sämtliche Randständigen mit dem Bus fuhren um sich mal abzukühlen. Also leistete auch ich mir den Luxus über anderthalb Stunden rundherum zu fahren. Wir kamen an unzähligen Häusern vorbei. In verschiedenstem Stil waren die Häuser in die Pinienwälder gebaut worden. Dann fuhr der Bus zwei Skigebiete an. Kaum zu glauben, dass man hier Ski fahren kann. Doch es ist so. Denn sonst hätte es nicht all diese ‚Rentals‘ für Snowboards und Skis. Schneekanonen standen dutzendweise neben grossen Parkplätzen, wo sehr spezielle Busse warteten, die anscheinend die Schneebegeisterten zu den Talstationen fahren würden. Sogar hinter dem Parkplatz des Motel 6, wo wir uns einquartiert hatten, standen vierzehn Schneekanonen. Dahinter sah ich eigentlich nur den Idiotenhügel mit verschiedenen Laufbändern für die Anfänger.

Alles war sehr weitläufig und gescheit nur mit einem Auto zu erreichen. Und wieder staunte ich über die riesigen Autos der Amerikaner. Das verrückteste Gefährt, was ich gesehen habe, war das riesige Wohnmobil mit drei Achsen. Nun das wäre nicht weiter bemerkenswert. Ein Trailer halt! Doch dieses Wohnmobil schleppte hinter sich einen Jeep Wrangler. Sauber mit Abschleppstange angehängt. Schliesslich braucht man noch so etwas wie einen Einkaufswagen, wenn das Wohnmobil mal auf dem Stellplatz liegt.

Am Pfingstsamstag war mein Zero dann vorbei und ich wollte noch einige Kilometer auf dem PCT hinter mich bringen. Also liess ich mich vom Bus nach Big Bear City chauffieren um mein Bounce Bag beim US Postal Service aufzugeben. Doch leider stimmten die Öffnungszeiten des Offices nicht mit den Angaben in Goggle überein. Was tun? Ich stellte mich wieder mit ein paar Randständigen an die Haltestelle und wartete auf den Bus. Als der Bus endlich kam, fragte ich bei der Chaffeus, ob sie denn beim US Postal Office von Big Bear Lake stoppen würde. Ja klar, einige Blocks davor, war ihre Antwort. Doch zuvor wurde ich nochmals eine Stunde durch die ganzen Häuser und zu den Skigebieten gefahren. Als sie dann endlich meinte, das das Postoffice nun grade da drüben sei, war es halb vor zwölf am Mittag. Glück gehabt, denn die Post schloss um zwölf. Doch als ich die Schalterhalle betrat, staunte ich nicht schlecht. Da warteten rund zwanzig – dreissig Hiker und Einheimische. Die Hiker wollten ihre Pakete aufgeben und die Einheimischen ihre Post abholen. Einige Minuten vor zwölf war ich an der Reihe und ich stand am Schluss als Einziger noch am Schalter, als die Türe bereits mit Ketten verschlossen wurde.

Auf jeden Fall war es nun zu heiss zum wandern. Es war Zeit für Lunch. Also begab ich mich in ‚The Village von Big Bear Lake‘. Ein gastronomisches Angebot lag neben dem nächsten. Ich genoss das bis anhin beste Essen, seit dem ich an der Westküste war. Dann schrieb ich Marianne, dass ich ein Transportproblem hätte. Nachmittags um drei fuhr sie mich über die Sandpiste ‚Druisenbergstrasse‘ an den Trailhead.

Ich wanderte noch einige Meilen. Merkte dann plötzlich, dass ich falsch abgebogen war, kehrte um und stellte mein Zelt an einem windstillen Spot auf. Bald knurrte ich glücklich und zufrieden.

Pfingstsonntag, 5. Juni 2022

Kurz nach vier Uhr, es begann im Osten zu dämmern, begann ich damit meine Siebensachen im Zelt zusammen zu stellen. Es ist nun immer derselbe Ablauf. Bereits um fünf Uhr machte ich mich auf den Weg. Mein Ziel war die Tentsite ‚Little Bear Spring‘. Ich konnte lange im Schatten wandern und um zehn Uhr hatte ich bereits zehn Meilen geschafft. Es ging immer langsam abwärts. Lange durch Pinienwälder und Wasser war immer wieder vorhanden. Ich stellte mir schon vor, wie ich bei ‚Little Bear Spring‘ ankam. Ich hatte wieder einmal einen Picknick Tisch für mich ganz alleine. Doch das war auch schon der ganze Luxus!

Pfingstmontag, 6. Juni 2022

Wieder machte ich mich früh auf den Weg. Unterwegs traf ich Marc aus Toronto. Wir hatten uns bereits im Motel 6 in Big Bear kennen gelernt. Nun stellte sich heraus, dass er auch sechzig Jahre alt ist. Wir haben dann abgesprochen, wo wir Pausen machten und wo wir unser Nachtlager aufstellen würden. Marc wanderte schneller als ich, machte aber mehr Pausen. Daher kam es oft vor, dass er plötzlich wieder hinter mir war. Er ist seit dem 6. Mai unterwegs, also zwei Tage länger als ich. Wir kamen zu den ‚Deep Creek Hot Springs‘. Eine wunderschöne Oase. Wir liessen es uns nicht nehmen mitsamt den Kleidern in den Fluss zu steigen. Die Location ist leider von leicht alternativen Menschen in Beschlag genommen worden. Es war sehr laut. Der Abfall wurde nicht mitgenommen. So zogen wir bald weiter. Nach einigen Meilen, immer noch am ‚Deep Creek‘ bauten wir unsere Zelte an einem Sandstrand auf.

Dienstag, 7. Juni 2022

In der Nacht – wir lagen bereits im Zelt – trafen noch weitere Hikerinnen ein. Zwei junge Frauen stellten ihre Zelt neben uns auf. Während der Nacht kam ein Jurassic Park Gefühl auf. Drei ‚Deer‘ Männchen röhrten um die Wette. Die zwei Girls hauten lange vor dem Morgengrauen ab. Auch wir zogen weiter. Wir wussten, dass es wieder lange keine Wasser geben würde. Das Ziel war der Silverwood Lake. Ein riesiger Stausee mitten in der Wüste. Auch das ganze Tal des ‚Deep Creek‘ war am Ende mit riesigen Staumauern verbaut. Keine Ahnung, was da geplant war. Irgendwann hatten wir dann einfach genug von Hitze, Staub und Sand. Wir entschieden uns einen Uber zu bestellen. Doch der Uber kam bis heute nicht an und wir wanderten stoisch bis zum See. Am See gab es riesige Campingplätze. Hier standen diese Trailer mit den Jeeps als Einkaufswagen. Und natürlich war der Zeltplatz für Hiker und Biker am Ende – nach der ganzen Schlange der riesigen Wohnmobile. Doch dafür gab es einen Picknicktisch, Duschen, Toiletten und wunderbar frisches fliessendes Wasser.

Mittwoch, 8. Juni 2022

Wie ein Tatzelwurm schleichen sich die achtspurige Autobahn und zwei Eisenbahnlinien über den Cajon Pass. Ich hörte das Brummen der Motoren und das pfeifen der Loks von Weitem. Doch das Ziel war ein McDonalds, das an diesem Highway mitten in der Wüste stand. Nach 22 km der Genuss eines Burgers. Unglaublich! Dann ging es noch einige Meilen bergauf und ich stellte mein Zelt auf. Marc hatte genug und übernachte im Motel an der Autobahn.

Donnerstag, 9. Juni 2022

Ich startete früh, denn es würde ein langer und harter Tag werden. Es hiess auf 2’500 Meter über Meer zu wandern. Start war bei 900 Meter über Meer. Mein Ziel war es 28 km zu wandern um dann sieben km vor Wrightwood zu campen. Nach den ersten fünf Kilometern machte ich mir in einer schattigen Kurve ein Frühstück. Einen Starbucks Instantkaffee mit einen so wundervollen Energie Riegel. Dann ging es einfach nur noch aufwärts. Über zwanzig Kilometer ohne Schatten. Irgendwann um die Mittagszeit verkroch ich mich unter die Dornenbüsche. Dort kochte ich mir zwei Portionen Ramennudeln mit ‚Chicken‘ Geschmack. Es half in der Hitze etwas Heisses zu essen. Langsam ging es weiter. Oft schaffte ich gerade mal zwei oder drei Kilometer in der Stunde. Ich war mit sieben Litern Wasser gestartet, da ich wusste, dass es bis Wrightwood kein Wasser mehr gab. Kurz nach dem Eindunkeln kam ich an meinem Ziel an, baute mein Zelt auf und war sehr schnell im Schlafsack.

Freitag, 10. Juni 2022

Ausschlafen! Ich wusste, dass ich nur noch rund fünf Kilometer abwärts wandern musste, bis ich zu einem ‚Breakfast‘ kam. Also liess ich mir Zeit. Das Breakfast hiess dann ‚Mountain Man‘. Es war einfach alles dabei! Mit riesigen Genuss vertilgte ich die noch riesigere Portion.

Im Hardware Shop im Ort – eigentlich ein Bau und Hobby Shop – konnte man sich als Hiker melden. Man half einem dort ein Motel oder eine Gastfamilie zu suchen. In jedem dieser Stopps gibt es auch Hikerboxen. Jeder Hiker schmeisst alles rein, was er nicht braucht. Und wer was brauchen kann bedient sich. Ich beobachtete einen Mann der die Box durchwühlte. Es war ein Einheimischer. Er hätte gestern oben auf dem Berg seine Driver License und die Kreditkarte verloren. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte, dass er an Weihnachten 1.5 Meter Schnee vor dem Haus gehabt hätte. Wrightwood sei ein Skigebiet. Es ist für mich unvorstellbar, wenn ich diese Zeilen bei laufender Klimanlage schreibe.

Der Mann kam übrigens später zurück und präsentierte seine Ausweise. Sie seien in der Hikerbox im Postoffice gelegen. So geht das!